Thesenpapier des Ecological Research Network (Ecornet)

Zwischen Handlungsdruck und Zukunftsorientierung: Auftrag und Perspektiven der Nachhaltigkeitsforschung

24. Januar 2023

Vorbemerkung

Aktuelle Krisen erhöhen den Druck auf die Politik. Die Corona-Pandemie und der russische Angriffskrieg auf die Ukraine haben gezeigt, dass in Krisenzeiten schnelles Handeln und kurzfristige Entscheidungen notwendig sind. Gleichzeitig bleiben langfristige Herausforderungen wie der Klimawandel und die Biodiversitätskrise bestehen.

Auch die Wissenschaft findet sich zunehmend in einem neuen Spannungsfeld wieder: Sie ist mehr denn je gefordert, schnelle Ergebnisse zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beizutragen. Doch die Probleme und ihre Lösungen werden immer komplexer, die Berücksichtigung von Langzeitperspektiven immer wichtiger. Gleichzeitig gilt es, neue Wissensbestände und innovative Potenziale aus der Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik in die Forschung zu integrieren.

Was sind vor diesem Hintergrund der Auftrag und die Perspektiven für die Nachhaltigkeitsforschung in den kommenden Jahren? Und was sind Orientierungspunkte für die forschungspolitische Agenda im Kontext multipler Krisen?

Wie Nachhaltigkeitsforschung und Forschungspolitik aus unserer Sicht dazu beitragen können, den gesellschaftlichen Wandel in den kommenden Jahren konstruktiv zu gestalten, haben wir im Folgenden in elf Thesen zusammengetragen.

Alle Zeichen auf Umsetzung: Was bedeutet der steigende Handlungsdruck für die Nachhaltigkeitsforschung?

1. Wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs.

Die Gegenwart ist von grundlegenden Veränderungen geprägt: Es geht nicht mehr um die Bewältigung singulärer Krisen. Die dringend notwendigen sozial-ökologischen Transformationen stehen im Spannungsfeld verschiedener globaler Krisen und neuartiger Konflikte. Die Verwobenheit dieser Krisen und Konflikte wird in den öffentlichen Debatten, aber auch in Forschungsprojekten noch oft verkannt oder bewusst außer Acht gelassen.

2. Schnelles Handeln, aber auch tiefgreifende Transformationen sind gefragt.

Die Auswirkungen der aktuellen Krisen sind enorm und unmittelbar spürbar. Sie führen dazu, nach Sofortmaßnahmen mit kurzfristigem Impact zu greifen, die die Folgen einzelner Krisen abmildern und gesellschaftliche Stabilität versprechen. Solche Sofortmaßnahmen sind wichtig, sie müssen aber kompatibel sein mit Transformationspfaden, die auf das Erreichen langfristiger Ziele ausgerichtet sind. Sie müssen zudem die gesellschaftliche Resilienz erhöhen, indem sie die wechselseitigen Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Krisen sowie soziale Aspekte berücksichtigen. Die Bewältigung akuter Krisenlagen darf schließlich die Entwicklung und Gestaltung umfassender Transformationsprozesse, bei denen soziale und technische Innovationen und Veränderungen wirksam ineinandergreifen, nicht behindern. Isolierte technische Lösungen führen häufig in Sackgassen. Das gilt auch für das Hinauszögern von Maßnahmen aufgrund hoher Unsicherheiten oder Dynamiken.

3. Wir brauchen eine neue Forschungsoffensive für Nachhaltigkeit.

Transdisziplinäre Forschung liefert wichtige Transformationsbeiträge mit systemischer Perspektive. Dieser Forschungsmodus ist mittlerweile in der Nachhaltigkeitsforschung über Pioniere wie die E-cornet-Institute etabliert. Angesichts der Größe und Dringlichkeit der anstehenden Herausforderungen wächst die Notwendigkeit, auf den Transformationspfaden rasch voranzukommen. Damit gehen auch Risiken einher. Um diese zu adressieren, brauchen wir eine neue Forschungsoffensive. Hier muss auch die Rolle der Nachhaltigkeitsforschung in den kommenden Jahren neu diskutiert werden. Sie hat die Aufgabe, Wegbereiter und Impulsgeber für die notwendigen Umsetzungsprozesse zu sein, die Erfahrungen bei der Umsetzung der Transformationsprozesse zu reflektieren, aufzubereiten und in geeigneter Form in Politik und Gesellschaft zu kommunizieren.

Schneller, besser, weiter: Wo liegen Auftrag und Perspektiven der Nachhaltigkeitsforschung in den kommenden Jahren?

4. Transdisziplinäre Forschung steht für systemische, weitsichtige und gesellschaftlich verankerte Lösungen.

Die aktuellen Herausforderungen sind nicht zuletzt wegen des gestiegenen zeitlichen Drucks, aber auch der Vielschichtigkeit der politischen und gesellschaftlichen Ziele komplex. Lösungsvorschläge müssen diese Komplexität aufgreifen. Dazu braucht es eine verstärkte inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit, die die Verwobenheit der Krisen sowie Synergien und Trade-offs zwischen verschiedenen Lösungsansätzen einbezieht und mögliche zukünftige Entwicklungen antizipiert (Vorsorgeprinzip). Um in der Komplexität handlungsfähig zu sein, brauchen wir in der Forschung neue Strategien und Methoden, die diese Komplexität adäquat reduzieren. Wir brauchen aber auch Verfahren, die mit dem wachsenden Maß an Unsicherheit umgehen können.

5. Wir müssen neue Forschungsansätze für schnellere Wirkungen entwickeln.

Angesichts der zunehmenden Beschleunigung und Häufung akuter Krisen und der Dringlichkeit transformativen Handelns muss die transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung neue Ansätze entwickeln. Es geht darum, bei akuten Krisen schnell und effektiv bestehende Wissensbestände zusammenzuführen, verschiedene Sichtweisen zu integrieren und Lösungsstrategien in der Praxis zu testen, beispielsweise durch ein „rapid transdisciplinary appraisal“. Dies erfordert u. a. eine Ausweitung von Synthese- und Begleitforschung sowie die Kompetenz, Erfahrungen aus früheren Transformationsprozessen auf heutige Herausforderungen zu übertragen. Dabei gilt es die richtige Balance zwischen Geschwindigkeit und Richtungssicherheit zu finden.

6. Gerechtigkeit ist ein integraler Bestandteil der Nachhaltigkeitsforschung und muss weiter gestärkt werden.

Nicht-nachhaltige Entwicklungen, aber auch bewusst angestoßene Transformationsprozesse können einige Bevölkerungsgruppen besonders hart treffen. Die Analyse von Gerechtigkeits- und Verteilungsfragen muss daher zu einem integralen Bestandteil von Nachhaltigkeitsprojekten werden. Die sozialen Implikationen sollten zudem eine zentrale Dimension bei der Entwicklung von Gestaltungsalternativen sein. Dies gilt umso mehr, als viele Transformationspfade mit weitgehenden strukturellen Veränderungen verbunden sind (z. B. die weitgehende Umsetzung einer Circular Economy), die es gilt pro-aktiv zu begleiten.

7. Wir brauchen neue Denkansätze für die Zukunft sowie Entscheidungen über den Umgang mit Pfadabhängigkeiten und Zielkonflikten.

Viele der vorherrschenden Wertesysteme, Wissensbestände und Alltagspraktiken stabilisieren nicht-nachhaltige Entwicklungspfade. Diese Zusammenhänge sichtbar zu machen, in partizipativen Pro-zessen neues Ziel-, System- und Transformationswissen zu entwickeln und alternative Praktiken zu erproben, ist eine wichtige Aufgabe der Nachhaltigkeitsforschung. Hierzu gehört ausdrücklich auch, die Auswirkungen stärker suffizienter Lebensstile zu erkunden und zu fragen, wie sie ermöglicht werden. Auch das Resilienzdenken und die Vermeidung von nicht-nachhaltigen Pfadabhängigkeiten gewinnt für die Gestaltung von zukunftstauglichen Entwicklungspfaden neue Bedeutung.

8. Wir müssen das Wie von Transformationsprozessen noch besser verstehen.

Wie transformative Prozesse befördert werden können, gehört nach wie vor zu den größten Forschungsherausforderungen. Hierfür gilt es, historische und analytische Arbeiten noch besser mit experimentellen Ansätzen zu verknüpfen. Soziale Innovationsprozesse sollten noch stärker beforscht und verstanden werden. Wir müssen aber auch systematischer fragen, welches Wissen wirklich transformativ wirkt und wie dieses über kommunikative Prozesse vermittelt werden kann.

Forschung, Transfer, Impact: zu einfach gedacht? Was sind Orientierungspunkte für die forschungspolitische Agenda im Kontext multipler Krisen?

9. Wir brauchen ein umfassenderes Verständnis von Innovation, Transfer und Impact.

Eine zukunftsgerichtete Forschungsagenda braucht ein zukunftsorientiertes Innovationsverständnis. Dieses muss die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen ins Zentrum stellen. Zudem gilt es, innovative Potenziale außerhalb von Wissenschaft und Wirtschaft zu erkennen und nutzbar zu machen. Auch Transfer und Impact müssen breiter als bisher gedacht werden. Der Weg von der Forschung zum Impact ist bei Nachhaltigkeitsfragen selten linear und zeigt sich nicht über Metriken wie Patente oder Ausgründungen. Vielmehr werden Wirkungen während des gesamten Forschungsprozesses über soziale Interaktionen zwischen Forschenden und dem Umfeld aufgebaut. Daher müssen Transfer und Wissenschaftskommunikation als integrale Bestandteile von Forschungsprozessen verstanden, anerkannt und gefördert werden.

10. An der Schnittstelle zwischen Forschung und Praxis brauchen wir langfristige und stabile Partnerschaften.

Damit Wissenschaft und Praxis gemeinsam an Nachhaltigkeitstransformationen arbeiten können und in akuten Krisen handlungsfähig sind, braucht es stabile Netzwerke zwischen allen relevanten Akteur*innen. Vielfältige Perspektiven müssen zusammengebracht werden. Wichtig sind zudem Menschen und Institutionen, die über die nötigen Kompetenzen verfügen, um die Schnittstelle zwischen Forschung und Praxis sowie zwischen Forschung und gesellschaftlichen Akteuren zu gestalten. Sie helfen dabei, die richtigen Fragen zu stellen, Wissensbedarfe rasch zu benennen und bereits vorhandenes Wissen schneller in die Anwendung zu bringen. Damit Wissenschaft und Praxis zum Beispiel in Reallaboren erfolgreich zusammenarbeiten können, sind längere Projektlaufzeiten unabdingbar. Nur dann können tragfähige Strukturen aufgebaut, die Wirkung von Interventionen verlässlich erforscht und zielgerichtet anpasst werden.

11. Wir brauchen eine verlässliche und innovative Förderung für transdisziplinäre Forschung.

Die Forschungsförderung sollte verlässlich eine systemische, transformationsorientierte Forschung zu einem breiten Spektrum von Nachhaltigkeitsthemen ermöglichen und unterstützen. Zudem ist eine stärkere Förderung von neuartigen Ansätzen, Syntheseleistungen und Arbeiten zu Qualitätsstandards und Wirkungsorientierung transdisziplinärer Forschung nötig. Wichtig ist zudem ein Ausbau der Förderung von Kommunikation und Transfer, um Forschungsergebnisse gegenüber Politik und Gesellschaft anschlussfähig zu machen.