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Wir müssen reden! Wissenschaft in der Vertrauenskrise?

Etwas mehr als die Hälfte aller Deutschen, 54 Prozent, gaben in der Umfrage zum Wissenschaftsbarometer 2018 an, dass sie Vertrauen in Wissenschaft und Forschung haben. Ist das ein Grund zur Freude oder, wie manche glauben, ein Alarmsignal? Zeugt es von einer Krise im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, wenn 46 Prozent der Vertrauensfrage mit Unentschiedenheit, Vorbehalten oder Ablehnung begegnen? Fragen wie diesen wurden auf Einladung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung am 27. Februar im Rahmen der Frankfurter Bürger-Universität „WIR MÜSSEN REDEN! Wissenschaft in der Vertrauenskrise?“ diskutiert.

Worte wie „Vertrauenskrise“ und „Expertenfeindlichkeit“ deuten heute auf ein zumindest in Teilen brüchig gewordenes Vertrauensverhältnis hin. So wurden zuletzt immer wieder Zweifel laut: Welchen Expert/innen kann man vertrauen, welche Studienergebnisse gelten als gesichert? Dass sich darüber hinaus immer mehr Menschen empfänglich für „alternative“ Fakten zeigen, hat erhebliche Folgen, denn wissenschaftliches Wissen, dem nicht mehr vertraut wird, ist für die Gesellschaft verloren. Und ein beschädigtes Vertrauensverhältnis ist nicht nur ein Problem für die Wissenschaft selbst, sondern auch für demokratisch verfasste Gesellschaften insgesamt: Denn Wissen schafft erst die Voraussetzungen, um Fakten von Fake News unterscheiden zu können.

Was also ist zu tun? Bei der gut besuchten Veranstaltung in den Räumen des ISOE in der Hamburger Allee kam ein lebhaftes Gespräch unter den Podiumsgästen Dr. Thomas Jahn (ISOE), Prof. Dr. Simone Rödder (Universität Hamburg), Volker Stollorz (Science Media Center Germany), Markus Weißkopf (Wissenschaft im Dialog) zustande, das von hr-iNFO-Reporter Stephan M. Hübner moderiert wurde. Auch das Publikum diskutierte intensiv mit den Expert/innen aus der Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation. Auf großes Interesse stießen die Ergebnisse des aktuellen Wissenschaftsbarometers, mit dem die Initiative der deutschen Wissenschaft „Wissenschaft im Dialog“ seit 2014 regelmäßig Einstellungen der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland gegenüber Wissenschaft und Forschung erhebt und das von Geschäftsführer Markus Weißkopf vorgestellt wurde.

„Vertrauen ist die zentrale Währung im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft“

Gastgeber Thomas Jahn vom ISOE zeigte sich nicht nur in der Diskussion, sondern auch im anlässlich der Veranstaltung veröffentlichten Interview auf dem Portal wissenschaftskommunikation.de optimistisch, dass der jüngst sehr häufig verwendete Begriff von der „Vertrauenskrise“ zwischen Wissenschaft und Gesellschaft keinen Anlass zu Alarmismus gebe. „Auch weil Vertrauen die zentrale Währung im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft darstellt, ist der Begriff Vertrauenskrise durchaus berechtigt“.

Zudem liegt nach Auffassung Jahns eine Chance im Krisenbegriff, „in dem Sinne, dass Krise immer auch die Chance für etwas Neues und eine Neuordnung beinhaltet. Bezogen auf die aktuelle Situation bedeutetet dies: In dem Hinterfragen der Aufgabe der Wissenschaft für die Gesellschaft liegen auch Chancen für positive Veränderungen im Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft“.

Ein wichtiger Schritt sei dabei, das Grundverständnis für die Arbeitsweise von Wissenschaft in der Gesellschaft zu fördern. Und die wissenschaftlichen Praktiken noch besser in die Lehre zu integrieren und das dafür benötigte Handwerkszeug bereits in der wissenschaftlichen Ausbildung stärker als bislang zu vermitteln. „Es braucht aber auch einen Wandel in der Forschungskultur“, ist sich der Soziologe sicher. Wir benötigen einen innerwissenschaftlichen Diskurs darüber, wie wir unsere Praxis künftig gestalten wollen. Wir müssen unsere Methoden, unsere Art der Reflexion und unsere Kommunikationsformen kritisch hinterfragen und uns mit ihnen auseinandersetzen, um sie weiterzuentwickeln zu können.

Das ausführliche Interview mit Thomas Jahn „Vertrauen ist die zentrale Währung im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft“ können sie hier lesen https://www.wissenschaftskommunikation.de/vertrauen-ist-die-zentrale-waehrung-im-verhaeltnis-zwischen-wissenschaft-und-gesellschaft-23645/

Audiomitschnitt: https://archive.org/details/BuergerUniWissenschaftVertrauenskrise