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Wie der öffentliche Diskurs über die Klimawirkungen des Fliegens das Flugverhalten beeinflusst

Dass Fliegen die klimaschädlichste Art des Reisens ist, ist zunehmend in das gesellschaftliche Bewusstsein gerückt. Das spiegelt die „Flugscham-Debatte“ wider, die ihren medialen Höhepunkt im Sommer letzten Jahres erreichte. Diskutiert wird seitdem – privat und öffentlich –, inwieweit es legitim ist, das Flugzeug als Verkehrsmittel zu nutzen: Muss ich mich fürs Fliegen schämen? Wissenschaftler*innen des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung haben untersucht, ob die „Flugscham-Debatte“ konkrete Auswirkungen auf das individuelle Reiseverhalten hat.

Im März 2020 hat die „Coronakrise“ den Flugverkehr nicht nur in Deutschland fast vollständig zum Erliegen gebracht – eine Situation, wie sie nur wenige Wochen zuvor noch unvorstellbar gewesen wäre. Gleichwohl stand das seit Jahrzehnten stark angestiegene Luftverkehrsaufkommen etwa seit dem Frühjahr 2019 in der Kritik. Im Zuge der Klimadebatte entwickelte sich daraus eine viel beachtete gesellschaftliche Diskussion um das Phänomen der „Flugscham“ und um die Frage, ob Fliegen in Zeiten des Klimawandels noch legitim sei. 

ISOE-Forscher*innen untersuchten zwischen April und Dezember 2019 die gesellschaftliche Debatte zum Thema Flugscham. Sie wollten wissen: Hat diese Debatte das Potenzial, dass auch in Deutschland Reisende ihr Flugverhalten überdenken? Der jetzt veröffentlichte Bericht „Zur Legitimität des Fliegens – Eine Diskurserweiterung der Flugscham-Debatte“ dokumentiert und kontextualisiert die Ergebnisse des Forschungsprojekts.

Welche Flüge werden gesellschaftlich akzeptiert und welche nicht?

Um einen möglichst vielseitigen Einblick und empirisch begründete Erkenntnisse zu erlangen, analysierte das Projektteam Statistiken des Flugverkehrs, Artikel in Onlinemedien sowie Twitter-Beiträge und führte Kurzinterviews mit Passant*innen durch. Bei der Untersuchung wurde deutlich, dass das Thema Flugscham komplexer ist, als es auf den ersten Blick wirken mag – viele Faktoren spielten eine Rolle, ob und wie das Fliegen gesellschaftlich akzeptiert wird. 

So gehe es nicht um das Fliegen per se, sondern auch um Verhältnismäßigkeit gemessen an Flugstrecke, Reisezweck und Häufigkeit. Beispielsweise werde eine Fernreise nach Abschluss der Schulzeit meist als legitim betrachtet, während ein Inlandsflug überwiegend auf Kritik stößt, da die Bahn eine Alternative darstellt. Auffällig ist auch, dass Flüge im beruflichen Kontext eher als legitim empfunden werden als Urlaubsflüge. 

Flugscham-Debatte hat Anteil am Einbruch der Inlandsflüge

Die Wissenschaftler*innen haben zudem den Einbruch der Passagierzahlen bei den Inlandsflügen in Deutschland 2019 näher betrachtet – also noch vor der „Coronakrise“ – und kommen zu dem Schluss, dass die Debatte um Flugscham mit großer Wahrscheinlichkeit für einen Teil dieses Rückgangs verantwortlich gemacht werden könne. Sie habe dazu beigetragen, dass bestehende Mobilitätsroutinen hinterfragt werden und ein breites gesellschaftliches Bewusstsein in Bezug auf die Klimafolgen des Fliegens entstanden sei. Schlussendlich sei die Flugscham-Debatte im Kern eine Diskussion darüber, inwiefern es legitim und moralisch vertretbar ist, trotz der bekannten Klimawirkungen zu fliegen. In ihr gehe es nicht nur um „harte“ Faktoren wie die Treibhausgasentwicklung im Flugsektor, sondern auch um „weiche“ Faktoren wie soziale und ökologische Normen und Werte. Hier stehe weniger eine subjektive Norm im Vordergrund, sondern eine soziale Norm, die – und das ist das Entscheidende für die Autor*innen – derzeit neu ausgehandelt werde.

Inwieweit sich dieses Bewusstsein auf das konkrete Handeln der Öffentlichkeit, aber auch der Politik auswirkt, wird neben den genauen Analysen von Artikeln, Beiträgen und Interviews in dem Bericht des Forschungsprojekts beschrieben.

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