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„Transdisziplinäre Forschung ist das Beste, was wir haben“

Was genau ist eigentlich transdisziplinäre Forschung? Diese Frage ist zwar schon alt, aber die Antworten darauf sind immer wieder überraschend neu und divers. Das zeigt gerade wieder eine Diskussionsreihe in der wissenschaftlichen Zeitschrift GAIA. In der aktuellen Ausgabe werfen nun die ISOE-Autoren Thomas Jahn und Oskar Marg gemeinsam mit Florian Keil (keep it balanced) einen kritischen Blick auf die unterschiedlichen Positionen.
 
Auf der Suche nach Lösungen für komplexe gesellschaftliche Probleme gilt die transdisziplinäre Forschung Vielen als erfolgversprechender Ansatz. Auch für das ISOE –Institut für sozial-ökologische Forschung ist der transdisziplinäre Forschungsmodus zentral: Er öffnet sich über Disziplingrenzen hinweg auch für „Alltagswissen“ und erweitert damit den Erkenntnisprozess um nicht-wissenschaftliches Wissen. Dabei werden methodische Fragen relevant, die seit jeher als streitbar gelten. Aber nicht nur das: Noch immer gibt es keinen Konsens darüber, was genau Transdisziplinarität (TD) bedeutet.

Gleichzeitig, findet der Forschungsmodus aber immer häufiger Anwendung - auch weil Förderprogramme zunehmend die Beteiligung gesellschaftlicher Akteure für Projekte einfordern. Für die wachsende Gruppe an Forschenden, die transdisziplinär arbeiten, ist es deshalb unerlässlich, zu einem geteilten Grundverständnis von Transdisziplinarität zu kommen. „Denn Transdisziplinarität kann nur gelingen, wenn allen Beteiligten klar ist, worauf sie sich einlassen“, schreiben die Autoren Thomas Jahn, Oskar Marg und Florian Keil in ihrem aktuellen Diskussionsbeitrag in der GAIA.

Erkenntnis und Gestaltung: Transdisziplinäre Forschung als integrative Praxis

Ausgang der Diskussionsreihe in der GAIA war der Beitrag „Transdisziplinäre Forschung revisited“, in dem Wolfgang Krohn, Armin Grunwald und Martina Ukowitz ihr Verständnis skizzierten. Wie sehr dieser immer noch Anlass zu lebhaften Kontroversen liefert, spiegelte sich in den teilweise scharf formulierten Antworten von Jürgen Mittelstraß, Christian Pohl sowie von Jochen Jaeger und Martin Scheringer wider. Im Kern ging es dabei um die Frage, ob transdisziplinäre Forschung ganz grundsätzlich eher gesellschaftliche oder wissenschaftliche Ziele verfolgen soll.

Die aktuelle GAIA Ausgabe beschließt diese Debatte nun mit zwei Beiträgen. Neben Krohn und Kolleg/innen kommen auch Thomas Jahn und Oskar Marg vom ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung und Florian Keil von keep it balanced zu Wort. Sie begreifen transdisziplinäre Forschung als eine integrative Praxis, bei der es sowohl darum geht, die gesellschaftliche Wirklichkeit mitzugestalten, als auch darum, allgemeingültige wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen. Für die Autoren folgt dies aus „der besonderen Struktur der komplexen sozial-ökologischen Probleme“. Denn die „Interessen und Gestaltungsziele“, die in diesen Problemen zum Ausdruck kommen, würden „immer auch auf fundamentale Lücken im wissenschaftlichen Wissen“ hinweisen.

In ihrem Beitrag plädieren Jahn, Keil und Marg explizit dafür, einen Minimalkonsens in der nach wie vor wichtigen Auseinandersetzung um Transdisziplinarität vorauszusetzen. Dafür schlagen sie deren „Verankerung in einem zu allererst wissenschaftlichen Kontext“ vor. Ihre Sorge ist nämlich, dass eine zu große konzeptionelle Vielfalt eher Verunsicherung stiftet als Freiheiten schafft. Für die Autoren hat die GAIA-Diskussionsreihe aber auch noch etwas anderes gezeigt: Es ist dringend notwendig darüber nachzudenken, „wie wir die Prozesse der Gestaltung unserer sozial-ökologischen Wirklichkeit besser an die neuen Bedingungen des Anthropozäns anpassen können“. Bis dahin sei transdisziplinäre Forschung allerdings „das Beste, was wir haben“.

Zum Artikel von Thomas Jahn/Florian Keil/Oskar Marg (2019): Transdisziplinärität zwischen Praxis und Theorie. GAIA - Ecological Perspectives for Science and Society, Volume 28, Number 1, 2019, pp. 16-20(5)