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Studie zu Konfliktlinien beim Thema Insektenschutz

Raps meets Wiese (© Dennis / stock.adobe.com)

Das Insektensterben hat gravierende Folgen für die Ökosysteme und damit auch für die Lebensgrundlagen der Menschen. Dieser Befund hat eine wissenschaftliche, politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung über Ursachen, Folgen und Gegenmaßnahmen ausgelöst. Aber wo genau verlaufen die Konfliktlinien? Auf welchem Wissen beruhen unterschiedliche Bewertungen? Wissenschaftler*innen des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung haben Positionen und Konflikte im Zusammenhang mit dem Insektenrückgang und landwirtschaftlicher Praxis systematisch erfasst. Ihre Studie dient der Vorbereitung auf einen erfolgreichen Dialogprozesses im Forschungsprojekt DINA.

Die Suche nach Lösungen für komplexe Probleme scheitert häufig daran, dass unterschiedliche Beteiligte so grundverschiedene Vorstellungen haben – von Ursachen, Folgen und Maßnahmen –, weshalb eine gemeinsame Bewertung geeigneter Lösungswege nicht gelingt. „Der drastische Rückgang von Insekten, selbst in Naturschutzgebieten, ist solch ein komplexes wie auch drängendes Problem, und die Debatte um mehr Insektenschutz hat sich in jüngster Zeit deutlich zugespitzt, beobachtet ISOE-Forscherin Alexandra Lux. Es handele sich um mehr als nur eine wissenschaftliche oder naturschutzfachliche Debatte. „In der Diskussion steht die Landwirtschaft besonders im Fokus und ist zugleich in besonderer Weise betroffen. Landwirtschaftliche Betriebe kämpfen ohnehin schon mit strukturellen Veränderungen, jetzt kommt der Befund des Insektensterbens noch hinzu.“

Aber während die Zielkonflikte zwischen – vor allem konventioneller – Landwirtschaft und Naturschutz offensichtlich seien, ließen sich die verschiedenen Positionen der politischen Akteure und Wissenschaftler*innen nicht so eindeutig erkennen. Mit ihren Kollegen Thomas Fickel und Florian Dirk Schneider hat Alexandra Lux deshalb in einer Diskursfeldanalyse herausgearbeitet, welche Positionen und Konflikte seit 2016 zum Thema Insektensterben besonders dominant sind. Dafür haben die ISOE-Forscher*innen die vier „Diskursarenen“ Landwirtschaft, Naturschutz, Politik und Wissenschaft untersucht. Das Ziel: „Mithilfe der Studienergebnisse wollen wir einen konstruktiven Dialog auf lokaler Ebene zwischen den Beteiligten vorbereiten und unterstützen. Nur so lassen sich praxistaugliche Lösungsansätze zum besseren Schutz der Artenvielfalt entwickeln. Und wir wollen zeigen, wie weit in solchen Dialogprozessen konkrete Empfehlungen für Politik, Landwirtschaft und Kommunen erarbeitet werden können“, sagt Alexandra Lux. Die Diskursfeldanalyse ist Teil des Forschungsprojektes DINA – Diversität von Insekten in Naturschutzarealen unter der Leitung des NABU.

Befund des Insektenrückgangs gilt als unstrittig – die Ursachen dafür schon

Die Diskursfeldanalyse des ISOE zeigt, dass es eine große Übereinstimmung der Akteure gibt bei der Einschätzung, dass sich der Insektenrückgang vollzieht. „Wir haben gesehen, dass es für die wenigsten Akteure strittig ist, dass der Rückgang von Insekten flächendeckend ist, wie es der Weltbiodiversitätsrat IPBES 2019 beschrieben hat“, berichtet Alexandra Lux. Aber alle Akteure forderten eine bessere, objektive Datenlage im Rahmen eines umfassenden Insektenmonitorings. Bei der Umsetzung gingen die Meinungen jedoch auseinander. „Es gibt zum Beispiel sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, wer die Finanzierung eines Monitorings übernehmen sollte.“

Eine stark unterschiedliche Bewertung zeigt sich auch bei der Frage nach den wesentlichen Ursachen des Insektenrückgangs. Dazu lassen sich unterschiedliche Diskursstränge ausmachen. Zentral darunter sind die Ursachen Einsatz von Pflanzenschutzmittel, Einträge von Stickstoff, Verlust von Habitaten und ein nicht zielführendes Naturschutzgebietsmanagement. Weitgehend Konsens besteht aber über die Einschätzung, dass die Ursachenfaktoren sehr komplex miteinander verflochten sind, und dass weitere Forschung dazu nötig ist.

Großes Interesse an Insekten- und Umweltschutz vonseiten der Landwirtschaft

Tendenziell werden landwirtschaftliche Ursachen von Naturschutzakteuren und wissenschaftlichen Akteuren herausgestellt, während gerade diese von Landwirtschaftsakteuren mit Bezugnahme auf außerhalb der Landwirtschaft liegende Ursachen relativiert werden. „Die interessengetriebene Gewichtung wird im Untersuchungszeitraum 2016 bis 2019 aber zunehmend differenzierter,“ sagt Alexandra Lux. Die verschiedenen Akteure zeigten Verständnis und wachsende Anerkennung der unterschiedlichen Perspektiven. „Diese wichtige Dynamik im Diskurs ist für die weitere Zusammenarbeit mit Akteuren aus Landwirtschaft, Naturschutz, Politik und Wissenschaft auf lokaler wie auch auf Bundes- und Landesebene zentral, denn sie bietet Ansatzpunkte zur Kontrastierung und Vermittlung von gegensätzlichen Positionen.“

Von großer Bedeutung dürfte nach Einschätzung der ISOE-Autor*innen sein, dass viele landwirtschaftliche Akteure inzwischen ein großes Interesse an Insektenschutz und Naturschutz zeigen. Unter den gegebenen wirtschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen sind sie jedoch mit der schwierigen Abwägung zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Sicherung der bäuerlichen Existenz einerseits und Umwelt- und Insektenschutz andererseits konfrontiert. „Viele Akteure im Naturschutz teilen die Haltung von landwirtschaftlichen Vertreter*innen, dass die Lasten des Wandels nicht auf den Schultern der landwirtschaftlichen Betriebe allein liegen, sondern gesellschaftlich mitgetragen werden sollten,“ berichtet Alexandra Lux.

Forschungsprojekt DINA: Umwelteinflüsse auf Fluginsekten in Naturschutzgebieten

Die Diskursfeldanalyse ist Teil des Forschungsprojekts „DINA – Diversität von Insekten in Naturschutzgebieten“. Acht Projektpartner arbeiten in diesem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt an der Verbesserung der Datengrundlage zu Anzahl und Diversität von Fluginsekten in Naturschutzgebieten und angrenzenden landwirtschaftlichen Flächen. Dazu erfasst das Forschungsteam bundesweit in 21 repräsentativen Gebieten Insektenpopulationen und erforscht Umwelteinflüsse auf die Tiere. Im Ergebnis entsteht die bislang größte Studie zu Fluginsekten in Schutzgebieten, die Auskunft darüber geben kann, welche Faktoren zum Insektensterben in welchem Umfang beitragen, und was notwendig und möglich ist, um den Trend umzukehren.

Projektpartner in DINA unter der Leitung des Naturschutzbund Deutschland (NABU) sind neben dem ISOE der Entomologische Verein Krefeld e.V. (EVK), das Internationale Zentrum für Nachhaltige Entwicklung der Bonn-Rhein-Sieg University of Applied Sciences (IZNE), die AG Spezielle Botanik an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU), das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), das Institut für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau sowie das Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig des Leibniz-Instituts für Biodiversität der Tiere (ZFMK).


Projektseite DINA
www.nabu.de/dina

Alle Ergebnisse der Studie finden Sie hier:

„Insektenschutz in agrarischen Kulturlandschaften Deutschlands“ von Thomas Fickel, Alexandra Lux und Florian D. Schneider