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»Ökologisches Wirtschaften« frisch erschienen: Sozial-ökologische Infrastrukturen

Haben Sie kurz Zeit? Im Jahr der Corona-Pandemie wird diese Frage von Menschen in sogenannten systemrelevanten Jobs vermutlich mit Nein beantwortet werden. Viele andere sind jedoch in den Genuss eines Zeitwohlstands gekommen, der zuvor nicht denkbar war. Die aktuelle Ausgabe von ÖkologischesWirtschaften betrachtet sozial-ökologische Infrastrukturen als Grundlage für eben jenen Zeitwohlstand und eine Zeitsouveränität, die sowohl zu einer höheren Lebensqualität, Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, als auch einer nachhaltigen ökologischen Lebensweise beitragen kann.

Um neue Praktiken des Wirtschaftens, Arbeitens und Lebens zu ermöglichen, müssen sozial-ökologische Infrastrukturen neu erfunden und wiederentdeckt werden, so die Autor/innen im Schwerpunkt, zu denen auch IÖW-Wissenschaftlerin Helen Sharp zählt. Diese Infrastrukturen bestimmen beispielsweise, wie Erwerbsarbeit derzeit organisiert und strukturiert ist und führen häufig noch nicht zu nachhaltigen Praktiken: Wer an einem anderen Ort arbeitet als lebt, muss lange Pendelwege in Kauf nehmen, bei einer 40-Stunden-Woche gibt es mittags Fastfood, statt Selbstgekochtem und „um sich mal was zu gönnen“ wird am Wochenende geshoppt. Die Beispiele zeigen, dass es die Standard-Erwerbsarbeit erschwert, sich anderen gesellschaftlichen Aufgaben wie Sorge, Weiterbildung oder politischem Engagement zu widmen und einen ökologisch nachhaltigeren Lebensstil zu führen. Die Autor/innen fordern deshalb eine Debatte über eine nachhaltige Umgestaltung der Infrastrukturen und der Organisation von Arbeit, die zusätzlich nicht auf Kosten des globalen Südens und künftiger Generationen aufbaut.

Zeitwohlstand in der Pflege

Der Beitrag „Zeitwohlstand für Pflegekräfte als Potential für eine nachhaltige Gesellschaft“ von Tanja Brumbauer, Franziska Dorn, Gerrit von Jorck und Sarah Mewes beleuchtet die Arbeit der Pflegekräfte, die nicht zuletzt in der Covid-19-Pandemie auf eine zehrende Probe gestellt wurde. Das Gesundheitssystem ist seit Jahren wegen Überlastung in der Kritik. Für die Beschäftigten ist das nicht nur psychisch und sozial belastend, sie haben auch keine Chance, eine nachhaltige, alternative Lebensweise zu entwickeln und bleiben im Zweifel bei einem ressourcen- und energieintensiven Lebensstil, so die Autor/innen. Es brauche deshalb einen Paradigmenwechsel hin zu einem vorsorgenden Gesundheitssystem, das mehr Zeit und Personal für Patienten einplant.

Feministische Überlegungen zum Umgang mit Zeit

Dass es nicht genügt, Erwerbsarbeit zu reduzieren, um Sorgearbeit geschlechtergerecht zu verteilen und Zeit für resilienteres Leben und politische Partizipation zu schaffen, begründet Hanna Völkle in ihrem Artikel „Warum Zeitpolitik feministisch-ökologisch gestaltet werden muss“. Denn die Arbeitszeitverkürzung führe nicht zwangsweise dazu, dass Frauen weniger Sorgearbeit übernehmen. Eine mögliche Lösung sieht vor, wirtschaftlichen Wohlstand nicht mehr am BIP zu bemessen, sondern Kosten für Ressourcenverbrauch und unbezahlte Sorgearbeit gegenzurechnen und damit intergenerationale Gerechtigkeit herzustellen.

Leseproben:

Zum Inhaltsverzeichnis von ÖkologischesWirtschaften 4/2020

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Neu im freien Online-Zugang: Seit September sind alle Ausgaben ein Jahr nach Erscheinen frei online verfügbar. Zuletzt:

Ausgabe 4/2019: Neue Allianzen

Klimapolitik erfordert eine integrierende „Gesellschaftspolitik“. Neue gesellschaftliche Allianzen sind notwendig: Die Ausbalancierung der unterschiedlichen Dimensionen der Nachhaltigen Entwicklung ist herausfordernd und bedarf der umfassenden Mitgestaltung zivilgesellschaftlicher Akteure, insbesondere auch der etablierten Verbände von Gewerkschaften über Sozial- und Wohlfahrtsverbände zu den Umweltverbänden. Im Schwerpunkt der Ausgabe wird diskutiert, welche Chancen neue gesellschaftliche Allianzen zwischen diesen Akteuren für die sozial-ökologische Transformation bieten, aber auch, welche Herausforderungen sich ergeben.

Die Heftausgabe ist ab sofort im freien Onlinezugang verfügbar: Zum Inhaltverzeichnis von ÖkologischesWirtschaften 4/2019

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