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Modelle zur Messung von Nachhaltigkeit bilden gesellschaftliches Wohlergehen nur unvollständig ab

Sustainable Development Goals painted on the outside wall of the UN House in Ulaanbaatar, Mongolia (Photo: Lukas Drees/ISOE)

Hitzewellen, Überschwemmungen und Stürme – die jüngsten Extremwetterereignisse haben verdeutlicht, was der aktuelle 6. Sachstandsbericht des IPCC wissenschaftlich beschreibt: Das Erdsystem ist in Turbulenzen geraten, seine planetaren Grenzen sind erreicht. Nicht nur das Klima ist betroffen, sondern auch die Biodiversität, das Süßwasser und die Landsysteme. In der Folge häufen sich humanitäre Katastrophen. Wie kann es gelingen, dass die planetaren Grenzen respektiert werden und gleichzeitig gesellschaftliches Wohlergehen gesteigert wird? Einen Erfolg versprechenden Beitrag dazu stellen die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die Sustainable Development Goals (SDG), dar. Doch wie lässt sich der Erfolg dieser komplexen Zielsetzung messen? Wissenschaftler*innen des ISOE haben zwei wissenschaftliche Modelle dazu untersucht.

In einer aktuellen Studie, die in der Zeitschrift „Ecological Indicators“ erschienen ist, vergleichen die ISOE-Forscher*innen Heide Kerber, Lukas Drees und Robert Lütkemeier zwei prominente Ansätze zur Erfassung des Zusammenhangs von gesellschaftlichem Wohlergehen und Grenzen des Erdsystems. Beide Ansätze folgen dem erdsystemwissenschaftlichen Konzept der planetaren Grenzen und kombinieren es mit den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung, den SDGs. Das sind zum einen der Ansatz „Doughnut of social and planetary boundaries“ (kurz: „Doughnut“) und zum anderen das Projekt #SDGinPB. Die ISOE-Autor*innen bewerten die Fähigkeit dieser Ansätze, die Komplexität der SDGs abzubilden, und diskutieren allgemeine Herausforderungen wissenschaftlicher Modelle im Zusammenhang mit globalen gesellschaftlichen Entwicklungen.

Die Autor*innen weisen auf die Auffälligkeit hin, dass beide Ansätze mit nur einem oder zwei Indikatoren pro SDG arbeiten, während die Vereinten Nationen sechs bis 27 Indikatoren verwenden, um die Entwicklung bei der Erreichung der Ziele darzustellen. Das diene zwar der Notwendigkeit, die Komplexität der realen Welt wie in jedem Modell zu reduzieren, es bestünde aber auch die Gefahr, dass wesentliche Aspekte übersehen werden. „Wenn zum Beispiel das Arbeitsmarktwachstum der einzige Indikator für das SDG 8 ‚Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum‘ ist und wichtige Aspekte wie Kinderarbeit oder grundlegende Arbeitsrechte unberücksichtigt bleiben, dann bringt das Modell ein sehr verzerrtes Bild hervor“, erklärt der Mitautor der Studie Lukas Drees. „Berechnungen des Ansatzes #SDGinPB, die dementsprechend etwa China auf der Zielmarke beim SDG 8 sehen, sollten Skepsis hervorrufen.“

Modelle unterstützen Wachstumsparadigma

Insgesamt zeigt die ISOE-Studie, wie stark die Auswahl der Indikatoren die Bewertung der SDG-Erreichung beeinflusst und dass Bewertungen, die sich auf einen einzigen Indikator pro Ziel stützen, der Komplexität der SDGs nicht gerecht werden. Das Projekt #SDGinPB zeige eine generelle Tendenz, den Fortschritt des globalen Nordens bei der Erreichung der SDGs zu überschätzen. Das sei vor allem darauf zurückzuführen, dass fast alle verwendeten Indikatoren eine positive Korrelation mit dem Bruttoinlandsprodukt aufweisen. Folglich unterstützten die Modellergebnisse unhinterfragt das Paradigma des Wirtschaftswachstums, das außer Acht lasse, wie sehr das historische Wachstum im globalen Norden von der Ausbeutung des globalen Südens abhängt. „Bei der Erreichung der SDGs kann es aber ja nicht darum gehen, dass die Länder des globalen Südens den Entwicklungspfad der Länder des globalen Nordens kopieren“, sagt Drees.

Die Autor*innen kommen zu dem Schluss: Ansätze wie der „Doughnut“ und #SDGinPB seien sehr wertvoll, um die Öffentlichkeit für den Zusammenhang von planetaren Grenzen und Aspekten des menschlichen Wohlergehens zu sensibilisieren. Sie leisten einen Beitrag zur Beantwortung der Frage, wie die Einhaltung der planetaren Grenzen gelingen und gleichzeitig mit den notwendigen Entwicklungsschritten hin zu einem globalen menschlichen Wohlergehen in Einklang gebracht werden kann. Wenn es jedoch um die konkrete Umsetzung in politische Empfehlungen geht, sei es unerlässlich, den lokalen Besonderheiten mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als dies mit globalen Modellierungsansätzen möglich ist.


Zur Publikation:

Drees, Lukas/Robert Lütkemeier/Heide Kerber (2021): Necessary or oversimplification? On the strengths and limitations of current assessments to integrate social dimensions in planetary boundaries. Ecological Indicators 129 (October), 108009

Wissenschaftlicher Ansprechpartner:

Lukas Drees
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Pressekontakt:

Melanie Neugart
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