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Krise, Katastrophe, Normalität – die Verantwortung der Wissenschaft für die Zukunftsgestaltung

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Am 1. Oktober 2021 hat das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung seinen Mitbegründer Thomas Jahn als wissenschaftlichen Geschäftsführer feierlich verabschiedet. Neben einer Festveranstaltung fand auch das Symposium „Krise, Katastrophe, Normalität – die Verantwortung der Wissenschaft für die Zukunftsgestaltung“ statt. Dabei stand eine Frage im Vordergrund, die sich nicht erst seit der Corona-Pandemie stellt: Welche Rolle kann die Wissenschaft bei der Lösung von komplexen Krisen spielen? Dazu wurde im Frankfurter Haus am Dom aus ganz unterschiedlichen Disziplinen und wissenschaftstheoretischen Perspektiven diskutiert.

Nichtwissen gilt gemeinhin als problematisch, wenn es darum geht, Lösungen für komplexe Probleme zu finden. In seinem Impulsvortrag beim ISOE-Symposium erläuterte Alexander Bogner von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), warum nach seiner Einschätzung auch „die Macht des Wissens“ gefährlich werden kann. Am Beispiel der Diskussion um Klima- und Corona-Krise machte der Wissenssoziologe deutlich, dass aktuelle Krisen überwiegend als Krisen von Wissenskonflikten gedeutet würden. Dies suggeriere, dass es „richtige“ Antworten auf politische Streitfragen gäbe.

Wissenschaftliche Expertise habe hierbei eine besonders große Wirkmacht, erläuterte Bogner. Wissenschaftliches Wissen dominiere als vermeintlich einzige Basis rationaler Politik den Streit um unterschiedliche Interessen und Werte in einem Maße, dass politische Entscheidungsprozesse kaum mehr ergebnisoffen gestaltet werden könnten. Daraus folge ein Dilemma für Demokratien: Wenn „Alternativlosigkeit“ zum politischen Credo werde, entstehe ein „revoltierender Trotz“, der die Suche nach „alternativen Fakten“ geradezu herausfordere, so Bogner.

Diskussion über die Relevanz wissenschaftlichen Wissens

Über diese Einschätzung diskutierten die Gäste des ISOE-Symposiums in der anschließenden Gesprächsrunde, die von Stephan Lessenich, Direktor des Instituts für Sozialforschung, moderiert wurde: Franziska Nori, Direktorin des Frankfurter Kunstverein, Klement Tockner, Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, Frankfurt am Main, Ines Weller, Stellvertretende Sprecherin des artec Forschungszentrum Nachhaltigkeit in Bremen und ISOE-Mitbegründer Thomas Jahn. Dabei warf Ines Weller einen kritischen Blick auf die Wahrnehmung und den Umgang mit wissenschaftlichem Wissen, der je nach Disziplin sehr unterschiedlich sei. „Welches Wissen ist relevant und für wen?“, fragte Weller und verdeutlichte am Beispiel der Forschung zum Zusammenhang von Gender und Environment, dass manche Expertise der Umweltforschung als nicht relevant wahrgenommen werde und sinnbildlich für die „Ohnmacht des Wissens“ stehe.

Klement Tockner betonte den positiven Beitrag der Wissenschaft in der Corona-Pandemie. Es sei für Gesellschaften, die sich mit Unsicherheiten ebenso schwertun wie mit komplexen Zusammenhängen, eine überaus wichtige Erfahrung gewesen, Wissenschaft beim Entstehen regelrecht zusehen zu können. Der Rückgriff auf Ergebnisse der Grundlagenforschung, der offene Zugang zu vorhanden Daten, das Infragestellen von Ergebnissen und das Abwägen von Unsicherheiten sei letztlich eine Art Wissensproduktion in Echtzeit gewesen, die in Verbindung mit einem qualitätsgetriebenen, unabhängigen Wissenschaftsjournalismus einen wichtigen Gestaltungsbeitrag geleistet habe.

Verantwortung der Wissenschaft und neues Selbstverständnis

Franziska Nori lenkte den Blick auf Aspekte der Wissensvermittlung und wies auf die Macht der Bilder im öffentlichen Diskurs hin. Gerade in der Pandemie habe sich gezeigt, dass durch zentrale Bildbotschaften eine Art „emotionalisiertes Wissen“ entstanden sei, das Verhandlungen über gesellschaftliche und politische Notwendigkeiten erschwert habe. Nori betonte die Notwendigkeit, komplexes Wissen für die Zivilgesellschaft noch besser verständlich zu machen, Fachjargons zu übersetzen und damit Wissenschaft möglichst weit in alle Bevölkerungsgruppen hinein zu öffnen.

Thomas Jahn griff diesen Aspekt der Öffnung auf und betonte, dass dazu ein anderes Selbstverständnis von Wissenschaft notwendig sei: In demokratischen Gesellschaften müsse es mit Blick auf komplexe Krisenlagen eine Mindestanforderung an jede Wissenschaft sein, dass sie die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen dazu befähigt, sich in Entscheidungsprozessen äußern zu können. Die Pluralität von Wissen und damit auch nichtwissenschaftliches Wissen müssten deshalb schon im Prozess der Wissensproduktion berücksichtigt werden, dies sei ein Anspruch transdisziplinärer Wissenschaft. „Wissenschaft ist mächtig und daraus resultiert eine Verantwortung“, sagte Jahn. Sie habe eine transformative Kraft und sei in der Lage, neue Realitäten zu schaffen. Voraussetzung sei jedoch, dass Wissenschaft sich immer auch mit sich selbst auseinandersetze, sonst habe sie keine Daseinsberechtigung.

Offizieller Abschied von Thomas Jahn als wissenschaftlichem Geschäftsführer des ISOE

Das Symposium am 1. Oktober 2021 fand anlässlich der offiziellen Verabschiedung von Thomas Jahn statt, der das Forschungsinstitut 1989 mitbegründet hat. Der Soziologe war bis März 2021 Sprecher der Institutsleitung des ISOE und wissenschaftlicher Geschäftsführer. Jahn hat im ISOE überwiegend zu gesellschaftlichen Naturverhältnissen, transdisziplinären Methoden und Konzepten sowie zur sozial-ökologischen Wissenschaftsforschung gearbeitet. Bei der Festveranstaltung im Anschluss an das Symposium würdigte Angela Dorn, Hessische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Thomas Jahn für sein ausgezeichnetes Gespür, das er seit der Gründung des ISOE für die Themen der Zukunft bewiesen habe. In ihrer Videobotschaft dankte die Ministerin Jahn für seine besonderen Leistungen für die Nachhaltigkeitsforschung in Deutschland, den Wissenschaftsstandort Hessen und für seine kritische Stimme der sozial-ökologischen Forschung, die auch nach seiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Geschäftsführer des ISOE gebraucht werde.

Auch die beiden Laudatoren Uwe Schneidewind, langjähriger wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts und Stephan Lessenich, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des ISOE, dankten Thomas Jahn für seinen Einsatz für die sozial-ökologische Forschung und für seine außerordentliche Prägung der Methoden und Konzepte transdisziplinärer Forschung. Schließlich brachten Mitarbeiter*innen des ISOE, Alumni und weitere Weggefährt*innen ihren Dank an Thomas Jahn als wertvoller Vordenker, Mentor und Kollege mit einem besonderen Filmgeschenk zum Ausdruck. Dieser bedankte sich ebenfalls, allen voran bei den Mitgründer*innen Irmgard Schultz, Egon Becker, Thomas Kluge und Engelbert Schramm und bei der neuen wissenschaftlichen Geschäftsführerin Flurina Schneider für die gelungene „Staffelübergabe“ im April dieses Jahres. Thomas Jahn wird das ISOE auch nach seiner offiziellen Verabschiedung weiterhin beratend unterstützen. „Ich werde dem Institut verbunden bleiben, es nach Maßgabe meiner Möglichkeiten weiter unterstützen“, sagte Jahn zum Abschied, „es liegt mir sehr am Herzen.“

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