Ecornet

Ist die Zukunft der Mobilität Vergangenheit?

Beim fünften Zukunftsforum Ecornet diskutierten Mobilitätsforscher*innen zur Frage, wie die Corona-Pandemie die Verkehrswende beeinflusst. Was ist aus den vielversprechenden Ansätzen für eine nachhaltige Mobilität der Zukunft geworden? Wird die Verkehrswende von den Folgen der Pandemie ausgebremst oder nimmt sie jetzt erst recht an Fahrt auf? Die erste Online-Ausgabe des Zukunftsforums nahm in den Blick, was sich in diesem Jahr verändert hat, wie die Entwicklungen zu bewerten sind und was sie für die zukünftige Ausrichtung des Verkehrswesens bedeuten.

Die Corona-Pandemie spielt sich vor dem Hintergrund einer anderen großen Krise ab, der Klimakrise – daran erinnerte die Moderatorin Anne Klein-Hitpaß von Agora Verkehrswende gleich zu Beginn der Veranstaltung. Für die rund 70 Teilnehmer*innen des Zukunftsforum Ecornet wurde jedoch schnell klar: Corona hat die für die Erreichung der Klimaziele so wichtige Verkehrswende ins Stocken gebracht.

Dr. Konrad Götz, Mobilitäts- und Lebensstilforscher am ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, wies zunächst auf eine Neuordnung der Verkehrsmittel hin: „Wir sehen, dass die Erfahrung der Pandemie das Verhalten und die Wahrnehmung der Verkehrsteilnehmer*innen verändert hat.“ Es gebe auf der einen Seite die als sicher wahrgenommenen Individual-Verkehrsmittel. Dazu gehörten das Fahrradfahren, das Zufußgehen, aber auch das Privatauto, das derzeit eine Renaissance erlebe. Die Multimodalität – also die Kombination von Verkehrsmitteln, die als einer der Schlüssel zur Verkehrswende gilt – habe aber insgesamt unter der Pandemie gelitten. Auf der anderen Seite stünden die als „unsicher“ wahrgenommenen Verkehrsmittel, zu denen der kollektiv genutzte ÖPNV gehört. Hier werde  eine massive Reduktion der Personenkilometer sichtbar. Für die Zeit nach der Pandemie sei mit weniger Dienstreisen zu rechnen und gleichzeitig mit Nachholeffekten, vor allem bei Urlaubsreisen und im Freizeitbereich. Prof. Dr. Stephan Rammler, wissenschaftlicher Direktor des IZT – Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, stimmte dem zu: „Sowohl die sozialen Mobilitätsbudgets als auch der Wunsch, Menschen zu treffen, sind vorhanden.“

Was kann die Digitalisierung zur Verkehrswende beitragen?

Stephan Rammler machte zudem deutlich, dass die Zukunft der Mobilität eng mit der Digitalisierung zusammenhängt. Eine große Chance zur Vermeidung von Personenkilometern läge in der momentan beobachtbaren Virtualisierung vieler Arbeitsbereiche. Um diesen Trend auch nach Corona aufrecht zu erhalten, bräuchte es jedoch mehr Forschung in dem Bereich und einen Ausbau digitaler Infrastrukturen. Auch der zunehmende Online-Handel als Folge der Digitalisierung würde Mobilität in vielerlei Hinsicht verändern. Die Digitalisierung des Verkehrswesens finde auf unterschiedlichen Ebenen statt – sie sei aber nur dann sinnvoll, wenn sie mit sozial-ökologisch orientierten Verhaltensänderungen einhergehe.

Umweltfreundlicher und sozial gerechter Verkehr

Einen weiteren Corona-Effekt sah Dr. Katrin Dziekan, Fachgebietsleiterin „Umwelt und Verkehr“ und „Nachhaltige Mobilität in Stadt und Land“ im Umweltbundesamt. Durch die Corona-Krise hätten sich die ohnehin vorhandenen Gerechtigkeitslücken im Verkehr weiter verschärft. Dabei sei es überaus wichtig, den Verkehr umweltfreundlich und gleichzeitig sozial gerecht zu gestalten. Insgesamt sei das Verkehrssystem weiterhin nicht „enkeltauglich“, auch weil es mit den Corona-Konjunkturpaketen keine Veränderungen bei umweltschädlichen Subventionen gegeben habe. Als konkretes Handlungsfeld nannte Katrin Dziekan die Stärkung des städtischen Umlands, etwa durch gute Verkehrsanbindungen und eine verbesserte Nahversorgung. Hier zeige sich, dass der Bund zwar die Rahmenbedingungen vorgibt, letztlich aber die Kommunen auf mehr Ressourcen und Personalmittel zur Umsetzung angewiesen seien. Ein weiterer Schlüssel seien mehr Bürgerbeteiligungsverfahren - auch wenn diese in der momentanen Situation kaum möglich seien.

Der öffentliche Verkehr als Sorgenkind

Ein Kernthema der Veranstaltung war der öffentliche Verkehr, der seit Corona einen dramatischen Rückgang der Fahrgastzahlen erlebt hat. Um wieder konkurrenzfähig zu sein, müsse er sich nach Corona neu erfinden, um ein attraktives, sauberes und gesundes Image aufzubauen, so Konrad Götz. Andere Ticketmodelle könnten bereits im Verlauf der Pandemie den deutlichen Einbruch bei den Jahresabonnements kompensieren. Damit die Verkehrswende auf der Zielgeraden bleibt, sei es enorm wichtig, die Menschen wieder in die öffentlichen Verkehrsmittel zu bekommen. Denn auf dem Weg zu einer klimagerechten Mobilität - darin waren sich alle Expert*innen einig – nehme der öffentliche Verkehr eine Schlüsselrolle ein.