Bundeserprobungsgesetz: Netzwerk Reallabore und GTPF empfehlen Nachbesserungen

16.06.2026 | Ecological Research Network (Ecornet)
Netzwerk Reallabore der Nachhaltigkeit
Gesellschaft für transdisziplinäre und partizipative Forschung (GTPF)

Im Mai hat das Bundeskabinett die Formulierungshilfe für ein Bundeserprobungsgesetz beschlossen. Das bundesweite Netzwerk Reallabore der Nachhaltigkeit begrüßt in seiner heute veröffentlichten Stellungnahme die Initiative, sieht in der vorliegenden Fassung des Gesetzentwurfs aber wesentlichen Nachbesserungsbedarf. Auch die Gesellschaft für transdisziplinäre und partizipative Forschung (GTPF) gab heute eine Stellungnahme zum geplanten Gesetz heraus. 

Das Netzwerk Reallabore der Nachhaltigkeit begrüßt die Initiative des Gesetzgebers, mit einem Bundeserprobungsgesetz (eh. „Reallabore-Gesetz“) die rechtlichen Rahmenbedingungen für Erprobungsräume, regulatorisches Lernen und den Transfer von Erkenntnissen in Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft zu verbessern. Gleichzeitig formuliert es in seiner heute veröffentlichten Stellungnahme deutlichen Nachbesserungsbedarf, damit das Gesetz seinen Anspruch auf Zukunftsfähigkeit und gesellschaftliche Wirksamkeit erfüllt. Das Ecological Research Network (Ecornet) ist Teil des Netzwerks und war in Person von Roy Schwichtenberg an der Erarbeitung der Stellungnahme beteiligt.

Nachhaltigkeitsaspekte systematisch verankern

„Ein zukunftsfähiges Bundeserprobungsgesetz sollte den breiten gesellschaftlichen Wandel unterstützen, die bestehende Reallaborlandschaft anerkennen und Nachhaltigkeit als normative Orientierung ernst nehmen“, betont Dr. Oliver Parodi, Sprecher des Netzwerks. So wird in der Stellungnahme angeregt, die Zielsetzung des Gesetzes ausdrücklich auf ökonomische, soziale und ökologische Ansätze des Wandels zu beziehen und Nachhaltigkeitsaspekte systematisch in den Gesetzestext und in die Antragsprüfung aufzunehmen.

Zudem plädiert das Netzwerk für eine Erweiterung des verwendeten Innovationsverständnisses. Der Innovationsbegriff richte sich derzeit vor allem auf marktwirtschaftlich verwertbare, insbesondere technologische Innovationen und sei damit zu eng gefasst. Für eine gesellschaftliche Transformation sei vielmehr ein weiter Innovationsbegriff notwendig, der nachhaltigkeitsbezogen auch soziale, kulturelle, politische und systemische Innovationen einschließt.

Rolle der Wissenschaft stärken

Besonders kritisch sehen die 14 Autor*innen die im Gesetzentwurf verwendete Definition von Reallaboren. Diese weiche deutlich vom wissenschaftlich etablierten Reallabor-Verständnis ab, das seit Jahren in der transdisziplinären und transformativen Nachhaltigkeitsforschung entwickelt wurde. Reallabore werden dort nicht bloß als befristete Erprobungsräume gesehen, sondern als erkenntnisorientierte Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen, in denen Wissenschaft, Praxis und Gesellschaft gemeinsam an gesellschaftlich relevanten Veränderungsprozessen arbeiten.

Daher solle im Gesetz die Rolle der Wissenschaft deutlich gestärkt werden. „Wissenschaftliche Begleitung ist nicht nur für Innovation und die Durchführung von Reallaboren sinnvoll und wichtig, sondern auch für die Auswertung, das regulatorische Lernen und die Übertragung von Erfahrungen in andere Kontexte“, sagt Dr. Oliver Parodi.

Anspruch einer notwendigen Transformation gerecht werden

Das Netzwerk sieht im Bundeserprobungsgesetz einen wichtigen Schritt für ein zukunftsfähiges Deutschland. In seiner derzeitigen Form bleibe das Gesetz jedoch zu eng auf technologische und ökonomische Innovationen fokussiert. Zudem werde es dem Anspruch einer notwendigen Nachhaltigkeitstransformation nicht hinreichend gerecht. Vor allem der Umgang mit dem Begriff Reallabor, die Fokussierung auf technologische Innovationen, die geringe Verankerung von Nachhaltigkeit und die zu schwache Rolle der Wissenschaft sollten daher nachgebessert werden.

GTPF-Stellungnahme heute ebenfalls veröffentlicht

Ebenfalls am heutigen Tag veröffentlichte die Gesellschaft für transdisziplinäre und partizipative Forschung (GTPF), in der mehrere Ecornet-Institute Mitglied sind, eine Stellungnahme zum Gesetzesentwurf. Die GTPF unterstützt das Vorhaben im Grundsatz; ihr Augenmerk gilt dabei nicht dem Ob, sondern dem Wie der Regelung. Besonders beschäftigen die GTPF drei Aspekte, zu denen sie konkrete Vorschläge vorlegt, damit das Gesetz seine Wirkung voll entfalten kann: das Begriffsverständnis des Reallabors, die normative Ausrichtung auf Nachhaltigkeit und die Verankerung wissenschaftlicher Begleitung als konstitutives Element.

Über das Netzwerk Reallabore der Nachhaltigkeit

Das Netzwerk Reallabore der Nachhaltigkeit wurde 2019 gegründet und umfasst aktuell über 120 aktive und abgeschlossene Reallabore. 75 Organisationen aus Wissenschaft und Praxis sind Mitglied im Netzwerk. Die Akteure im Netzwerk arbeiten seit mehr als dreizehn Jahren in und zu Reallaboren. Sie haben sowohl den theoretischen Diskurs als auch die Verwirklichung von Reallaboren maßgeblich mitgeprägt und in diesem Zeitraum wichtige Beiträge zur Entwicklung, Umsetzung, Rahmensetzung und Förderung von Reallaboren geleistet.

Stellungnahme des Netzwerks Reallabore der Nachhaltigkeit

Webseite des Netzwerks Reallabore der Nachhaltigkeit

Über die Gesellschaft für transdisziplinäre und partizipative Forschung (GTPF)

Die Gesellschaft für transdisziplinäre und partizipative Forschung e.V. (GTPF) ist die Fachgesellschaft der transdisziplinär und partizipativ Forschenden und Lehrenden sowie Praxispartner*innen im deutschsprachigen Raum. Die GTPF bietet eine zentrale Plattform für Vernetzung, fachlichen Austausch und Interessenvertretung im Bereich der transdisziplinären und partizipativen Forschung sowie für die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Gesellschaft.

Stellungnahme der GTPF

Webseite der GTPF


Ansprechperson im Ecological Research Network (Ecornet)

Roy Schwichtenberg
Leiter der Geschäftsstelle
Ecornet-Geschäftsstelle
Telefon: +49 30 884594-0
E-Mail: roy.schwichtenberg@ecornet.eu 

Ansprechperson im Netzwerk Reallabore der Nachhaltigkeit

Dr. Oliver Parodi
Sprecher des Netzwerks und Leiter der Forschungsgruppe
„Karlsruher Transformationszentrum für Nachhaltigkeit und Kulturwandel"
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Telefon: +49 721 608-26816
E-Mail: oliver.parodi@kit.edu 

Ansprechperson in der Gesellschaft für transdisziplinäre und partizipative Forschung (GTPF)

Julius Merkens
Leitung der Geschäftsstelle
Telefon: +49 30 31477502
E-Mail: info@gtpf.science